D’Apriles Fontane – Weltbürger, Medienbeobachter, Zeitungsmensch.

Pünktlich zum Einstieg in das Fontane-Jahr erschien Ende November 2018 eine neue Biographie im Rowohlt Verlag: Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung von Iwan-Michelangelo D’Aprile, Professor für Kulturen der Aufklärung an der Universität Potsdam.

Auf allen – mir bekannten – Fontane-Biographien prangt ein Porträt desselbigen. Doch auf D’Apriles Monographie ist kein wohl bekannter Schnäuzer zu sehen, sondern eine Lokomotive,  das Ölgemälde Cardiff Docks von Lionel Walden. In der Cover-Gestaltung wird ein Zeichen gesetzt: Dies soll eine etwas andere Fontane-Biographie sein.

Im Interview mit Matthias Zimmermann erklärt D’Aprile:

Wer Fontane wie ich seit mehreren Jahren an der Universität unterrichtet, sieht sich der Schwierigkeit ausgesetzt, dass Fontane kein Autor ist, der junge Menschen unmittelbar anspricht. Neben dem historischen Abstand sind seine Stilmittel wie die gezielte narrative Entschleunigung, der weitgehende Verzicht auf Handlung oder „Action“, die schier unendlichen Dialoge und seine Andeutungs- und Auslassungstechniken (etwa von allem explizit Körperlichen) für heutige Lesegewohnheiten von Studierenden eher fremd. […] Das wirkt erstmal alles ziemlich verstaubt und langweilig.

Osterhammel und D’Aprile

Die Ähnlichkeit des Covers mit Jürgen Osterhammels monumentaler Monographie Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts ist augenscheinlich. D’Aprile möchte Fontane also entstauben und ihn „im Kontext der tiefgreifenden Verwandlung und Modernisierung der Welt im 19. Jahrhundert porträtieren.“ 

„Die wechselseitige Verschränkung von Epoche, Biographie und Werk“ steht im Zentrum D’Apriles Erkenntnisinteresses, so heißt es in der Einleitung:

Die angestrebte Balance zwischen Biographie und Epochenporträt, Werk und Kontext, Historisierung und aktuellen Frageperspektiven, Wissenschaft und Verständlichkeit soll zuallererst Neugier und Interesse wecken, den Klassiker des bürgerlichen Realismus Theodor Fontane neu zu entdecken. 

Schon der junge Fontane – der Apothekerlehrling – wird vor allem als jemand charakterisiert, der ein kluger, neugieriger Beobachter zu sein schien – „ein passionierter Ausbrecher“, der die Welt mit eigenen Augen sehen wollte. Er sei ein ruheloser Autodidakt gewesen, der neben James Fenimore Cooper, Walter Scott, Shakespeare, Dickens und vielen weiteren, das Medium des 19. Jahrhunderts konsumierte: die Zeitung. 

Schon in den 1840ern betrat Fontane die literarische Bühne. D’Aprile formuliert: 

Er fährt sozusagen direkt mit der Eisenbahn ein – und das nicht nur weil eine Leipziger Literaturzeitschrift mit dem Namen „Die Eisenbahn“ zunächst sein Hauptpaublikationsorgan wurde.

Letztlich war Fontane über vierzig Jahre als Journalist tätig. Der Workaholic schrieb sich durch sein Jahrhundert – immer up to date, immer am Puls seiner Zeit horchend; sei es, als er 1848 auf den Barrikaden stand oder Jahre später in seinen Zeitungskorrespondenzen an einem einzigen Tag „über die Eröffnung der Londoner U-Bahn, den ersten Vegetarier-Kongress im Glaspalast, die Debatten um das Frauenwahlrecht in Großbritannien, die britischen Kolonialkriege oder den Amerikanischen Bürgerkrieg“ berichtete. 

Auch die drei Bildteile der Biographie verdeutlichen, dass dieses Werk über eine einfache Lebensdarstellung Fontanes hinausgehen und nicht nur das einzelne Individuum darstellen möchte. Es finden sich unter den obligatorischen Fontane-Porträts auch Pastelle und Zeichnungen Berlins – der Metropole des Kaiserreichs –, ein Bühnenbild zu Hendrik Ibsens Gespenstern von Edvard Munch und zu guter Letzt Thomas Mann, der zigarrenrauchend Fontanes Briefe an Georg Friedlaender liest. 

Der Tourist Fontane reiste unter anderem nach London und Schottland:

Schottland war durch das bereits dicht ausgebaute Eisenbahn- und Dampfschiffnetz in Großbritannien als touristisches Reiseziel zu dieser Zeit so gut erschlossen wie keine andere Region in Europa – verglichen mit den Entwicklungen auf dem europäischen Kontinent, kann man durchaus von Frühformen des Massentourismus sprechen.

Die Rolle Großbritanniens wird nicht nur als globales Zentrum von Industrialisierung und Handel herausgehoben, sondern auch für die journalistischen Erfahrungen Fontanes.  D’Aprile betont, dass die britische und amerikanische Literatur stetige Bezugspunkte für den Autor bildeten. Es wird aufgezeigt, wie eng die journalistischen Praktiken und das Reisen Fontanes mit seinen späteren Romanen zu sehen sind. Immerhin sei Fontane durch und durch ein „Zeitungsmensch“ und „Medienbeobachter“ gewesen:

Als Reisender im Zug, im Kaffeehaus, im Hotel, in der Theaterloge und in Gesprächen mit Schauspielern, in Interviews am Rande von Empfängen und Abendgesellschaften – überall sammelte er Informationen ein, die einen interessanten literarischen Gegenstand versprachen.

Zeitungsmeldungen und Annoncen seien somit fundamental für den Romanautor Fontane, den Romancier der Hauptstadt, wie ihn D’Aprile tauft. Elf der siebzehn Romane wurden  – als Fortsetzungsgeschichten – in Zeitungen publiziert. Durch die Serialität zieht D’Aprile den Vergleich zu heutigen Fernseh- und Internetserien. Würde Fontane wohl für Netflix schreiben?

Das Kapitel Romane in Serie birgt ein darstellerisches Problem. Wie schafft man es, den siebzehn Romanen, die in unter zwanzig Jahren geschrieben wurden, gerecht zu werden – ohne den lesbaren Rahmen zu sprengen? D’Aprile geht hierbei nicht streng chronologisch vor. Anstatt ein Werk nach dem anderen abzuklappern, arbeitet er übergeordnete narrative Charakteristika und Motive heraus und schafft so Kohärenz. Exemplarische Romanpassagen werden herangezogen. Die LeserInnen werden in eine kurze – aber prägnante – Darstellung des Romanwerks eingeführt. Bei manchen Werken hätte ich mir gewünscht, etwas länger verweilen zu können. Gedanklich ist man noch bei Irrungen, Wirkungen, wenn die Augen schon auf einem Abschnitt über Mathilde Möhring  zu finden sind, um dann zu Frau Jenny Treibel fortgerissen zu werden. Doch in der Konzeption der Biographie ist die Darstellung  genügend.

Die Rückseite des Schutzumschlags: „Der moderne Mensch hat die Pflicht, modern zu empfinden.“

Über Alkohol- und Morphiumkonsum im Hause Fontane, gelangen die LeserInnen letztlich zu seinem Tod und Erbe, wonach nicht vergessen wird, würdigende Worte für Charlotte Jollesder Fontaneretterin – zu finden.

D’Apriles Fontane wird im Zeichen eines gesellschaftlichen Wandels von neuen Mobilitäts- und Kommunikationsmöglichkeiten dargestellt. Lebensstationen des berühmten Autors werden genutzt, um zeitspezifische Diskurse und Phänomene herauszuarbeiten. D’Aprile gelingt es, nicht nur das Leben Fontanes zu beleuchten, sondern den jeweilig nötigen Kontext heranzuziehen, um ein Epochenporträt zu kreieren. In einem verwobenen Wechselspiel – aus Nahaufnahme und Panoramasicht – wird Fontanes Leben präsentiert. Fontane, ein Protagonist seiner Zeit, der von dieser nicht zu isolieren ist.

Die 470 Seiten (plus Anhang) lesen sich verblüffend kurzweilig. D’Aprile kreiert eine rasante Lebensfahrt, mit Richtungsänderungen, Weichenstellungen und Zwischenstopps – durch das 19. Jahrhundert.

 

Iwan-Michelangelo D’Aprile: Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung. Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2018.

544 Seiten; 28 Euro; ISBN 978-3-498-00099-8

 

Ein großer Dank geht an den Rowohlt Verlag, für die freundliche Bereitstellung der Biographie.

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