Warum ich Hans-Dieter Rutschs „Der Wanderer. Das Leben des Theodor Fontane“ nicht zu Ende gelesen habe

Nur eine neue Publikation für das Fontane-Jubiläum? Nein – das genügt nicht! 

So muss wohl der Rowohlt-Verlag gedacht haben und veröffentlichte Ende 2018 gleich zwei Fontane-Biographien: D’Apriles Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung und Hans-Dieter Rutschs  Der Wanderer. Das Leben des Theodor Fontane. 

D’Apriles Fontane war eine kurzweilige Lektüre, nun möchte ich mich dem Fontane Rutschs zuwenden. Das erste Durchblättern zeigt, dass das Werk nicht als wissenschaftliche Biographie konzipiert ist, Fußnoten sucht man vergeblich. Handelt es sich somit um ein Konzept, welches versucht, eine Leserschaft für Fontane zu begeistern, die von wissenschaftlichen Nachweisen eher abgeschreckt scheint? Vor der Lektüre vermutete ich, dass Der Wanderer einen unterhaltsamen Einstieg für „Fontane-Neulinge“ biete, im besten Falle eine Tür öffnen würde, letztlich könne es eine Chance für ein „erstes Kennenlernen“ mit dem berühmten Autor aus dem 19. Jahrhundert sein.

Der Tag ist grau und kalt. Nieselregen fällt. In seinem Licht schwebt der Pulverdampf der ersten Silvesterböller. Auf hohen Buchen, die zwischen der feuchten Luft und dem blauen Dunst aufragen, sitzen Raben. Tief unter den Ästen, auf denen die Vögel hocken, drängen sich Autos über eine Kreuzung. 

Dies könnten auch die ersten Sätze eines fiktiven, literarischen Textes sein, aber es ist der Beginn von Rutschs Wanderer, der LeserInnen  zur ausschmückenden Darstellung des Fontane-Denkmals in Neuruppin führt.  Gleich zu Beginn wird ein vereinnahmendes WIR konzipiert. Mithilfe von einem hohen Grad an Gegenwärtigkeit und gewünschter Identifikation sollen WIR Gäste im 19. Jahrhundert werden. LeserInnen sollen sich mit der berichtenden Instanz verbünden und möglichst nah am Berichteten sein.

Wir – die Ahnungslosen. Ein echtes Verständnis für das neunzehnte Jahrhundert haben wir nicht. Uns fehlt eine Übereinkunft über jene Welt, aus der wir in der Gegenwart angekommen sind.

Von den „Germanisten“, „Historikern“ und „Biografen“ ist des Öfteren die Rede, die irgendwas, irgendwann, irgendwie herausgefunden haben, aber im Text nicht genauer benannt werden. Rutsch zählt sich nicht dazu, ihm geht es nicht um wissenschaftliche Akkuratesse. Satzanfänge wie: Wir sehen; Wir erkennen; Uns ist bekannt … verbunden mit einem Unmittelbarkeit stiftenden Präsens, wollen ein permanentes „Hineinfühlen“ in Theodor Fontane und seine Umwelt evozieren. Mir kommt der Vergleich mit einer Fernsehdokumentation in den Sinn, wo eine tiefe männliche Stimme aus dem Off historische Sachverhalte zusammenfasst, während szenisch die streitenden Eltern Fontanes dargestellt werden: Die Mutter weint, der Vater ist spielsüchtig und trinkt, der kleine Theodor sitzt traumarisiert in der Ecke. Der elterliche Zwist soll spannungsgeladen vorbereitet werden – so kommt es mir jedenfalls vor:

So wird der Augenblick des noch glücklichen jungen Ehepaares Fontane in Neuruppin vorstellbar. Man meint, es kann doch nicht sein, dass ein so hübsches Paar sich überwerfen wird. Aber noch ist es nicht so weit.

Und das „Kind Theodor“ leidet darunter:

Kompliziert ist es um die Seele des jungen Theodor bestellt. Ihm plagen die dunklen Geschicke seines Elternhauses. Unter dem funkelnden Sternenhimmel vergibt der Sechsjährige dem Vater. Und wann immer Fontane später allein unter einem Sternenhimmel unterwegs sein wird, wird er an seinen Vater denken. 

Auch Theodor Fontanes Ehekrisen werden herausgearbeitet: 

Krisen schütteln die Ehe der beiden, auch schon die Zeit der fünfjährigen Verlobung. Zwei uneheliche Kinder zeugt der Dichter während der Verlobungsjahre „nebenbei“ in Dresden. Es wird eines der großen Geheimnisse der Fontanes. Emilie sehnt sich nach Geborgenheit, er nach Erfolg als Autor. […] Sie schreibt über die schweren Gewitter über ihren Häuptern und das Gefühl getäuscht zu werden. Wann immer sie an ihm zweifelt, fehlt Hoffnung. Er kann so zärtlich und so hart sein. 

Die Gefühlswelt Fontanes soll nachgezeichnet werden: „Depressionen plagen den welterfahrenen Dichter. Schicksale treffen ihn hart.“ Diese depressive Anfälligkeit sei „dem mütterlichen Erbe geschuldet“ und „zum anderen Teil eine Folge nicht bewältigter Erfahrungen.“ Rutsch betont: „Sie alle hätten eine Therapie bedurft.“

Großen Aufwand investiert der Regisseur und Dramaturg Rutsch in die Inszenierung der Beziehungen und Gefühle: Theodor sieht, fühlt, empfindet. Doch woher genau die Gewissheit über die nachkonstruierten Szenerien genommen wird, ist unklar. Schrieb es Fontane vielleicht in einem Brief, in einem Artikel oder sind es reine Interpretationen Rutschs? Die Literaturstudentin in mir war beim Lesen  sehr nervös! So sehr, dass ich unruhig auf meiner Unterlippe herum biss und mich ertappte, wie ich das Buch vorwurfsvoll – gar aggressiv –  fragte: Aber woher weißt du das jetzt? – Ja? Hat „der Theodor“  tatsächlich so gefühlt?

Ich versuchte, die Literaturstudentin zu unterdrücken und  zu akzeptieren, dass es keine konkreten Quellennachweise gibt. Ich wollte herausfinden, ob es sich um ein gutes „erstes Kennenlernen“ handeln könnte.  Doch eine grobe Vorstellung, woher die Informationen bezogen werden – bevor man sie Fontane gefühlsbetont in den Mund legt – wäre wünschenswert. Das „Sternenhimmelgegucke“ wirkt schlichtweg merkwürdig! Rutschs Wanderer steht auf Rudimenten, die bröckeln, wackeln und im gefährlichen Bereich des Nicht-Nachvollziehbaren, Manipulativen anzusiedeln sind. Klischees werden bedient, anstatt ein einführendes Porträt Fontanes zu kreieren. Der Fokus wird eher auf „Dramatisches“ gesetzt als auf Essentielles. Über Fontanes  literarisches Werk und Schaffen wird wenig gesagt. Romaninhalte werden grob paraphrasiert, Darstellungsprinzipien, Arbeitsweisen und Entstehungsprozesse oft nichtmal erwähnt. – Obwohl, vielleicht ist es auch gut so, denn bei der partiellen Thematisierung literarischer Arbeiten wurde ich nur noch nervöser. So wird die Figur „Fritz Kratzfuß“ im gleichnamigen Gedicht mit den Empfindungen des Autors gleichgesetzt, Fontane würde sich in der Figur verhüllen. Passagen werden als Aussagen des realen Autors präsentiert. Empfindungen und Erfahrungen überlappen sich undifferenziert mit seinem literarischen Schaffen, Rutsch fragt: „Denn was ist das Werk eines Schriftstellers als die […] Summe seiner Erfahrungen?“

Lesevergnügen oder ein Erkenntniszugewinn blieben aus. Auf Seite 225 brach ich meine Lektüre ab. Ein Weiterführen dieser war für mein gesteigert unruhiges Gemüt schlichtweg unzumutbar.

Für welche LeserInnen wäre Rutschs Fontane empfehlenswert? Ich weiß es nicht  genau. Wenn es einem nicht um den faktischen Fontane geht, man die fast romanhaften Schilderungen, das „Hineinempfinden“ zu schätzen weiß, dann könne es im Bereich des Möglichen liegen, dass man Gefallen an Rutschs fontanischem Konstrukt Der Wanderer findet. Doch wenn dies mein erster Kontakt mit Fontane gewesen wäre, so hätte sich gewiss keine Tür geöffnet. 

 

Hans-Dieter Rutsch: Der Wanderer. Das Leben des Theodor Fontane. Berlin: Rowohlt 2018.

331 Seiten; ISBN: 978-3737100267 – 26 Euro

 

Ein großer Dank geht an den Rowohlt-Verlag, für die freundliche Bereitstellung eines Exemplars.

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