„Effi“ im Heinrich-Hertz-Gymnasium – ein Besuch

Es liegt eine Weile zurück, bald zwei Jahre. Da fuhr ich auf der S-Bahnstrecke zwischen Friedrichshagen und Ostkreuz allmorgendlich in guter Gesellschaft: junge Leute, 9., 10. Klasse, die über ihre Schule sprachen als einen guten Ort. Sie besuchten das Heinrich-Hertz-Gymnasium, eine Bildungseinrichtung mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Profil. Manchmal hatten sie ihre Instrumente dabei, Cello, Gitarre und Klarinette. Ihr Plaudern war leicht und heiter, selbstbewusst waren sie ohne Arroganz, freimütig in ihrer Haltung. Wer ihnen zuschaute in ihrem Alltag, hatte seine Freude. Mit denen, mochte man denken, geht nichts schief.

Doch schief ging, was ich mir – ganz auf das Fontane-Jahr 2019 geeicht – ausgedacht hatte. Eine Brücke wollte ich bauen zwischen diesen Schülerinen und der Fontane-Welt. Vorstellen konnte ich mir, an dieser Schule ein ‚Etwas auf die Beine zu stellen‘, was in das Jubeljahr passte. Schon sah ich uns gemeinsam während der Fontane-Akademie September 2019 in Neuruppin etwas vorführen, woran alle Spaß haben würden. Es war naiv. Zwar traf ich mich mit Chiara und Maja im Institut und einem Bücher-Café auf der Karl-Marx-Allee, zwar skizzierten wir in Fontane-200-Notizbüchlein Projektideen – doch die Umstände schienen zu umständlich, die Hindernisse zu hinderlich. Eine Schule, die ihre strengen Pläne hat, ist ein Organismus, in den man nicht schnell einmal von außen hineingreift, um irgendetwas – noch so gut Gedachtes, noch so anregend Gemeintes – Fremdes aufzupfropfen. Das wurde mir bald klar, so traurig es eine Zeitlang stimmte. Wo Angebote als Druck empfunden werden (müssen), weil so vieles schon drückt und bewältigt sein will, ist Rückzug geboten.

Und doch kam es um eine schöne Nuance anders. Das Fontane-Jahr hatte fast schon sein Ende erreicht, da meldete sich eine der Schülerin. Ihre Klasse sei in Deutsch gerade bei Fontane angelangt, man behandele Effi Briest. Realismus – ob es da Material gebe, das ich empfehle. Hier sprach tatsächliches Interesse, die Fragen zeugten von einem aufmerksamen Verständnis. Gerne stellte ich ein paar Texte zusammen, wahrscheinlich zu viel, wahrscheinlich zu komplex. Aber, so die Meldung kurz vor Weihnachten, die Präsentation sei gut über die Bühne gegangen. Und man komme auf mein Angebot zurück: ob es mir möglich sei, Anfang Januar 2020 einmal Gast bei ihnen in der Klasse zu sein. Der 8. Januar wurde verabredet, Fragen vorabgeschickt, ich präparierte mich, so gut es in Unkenntnis konkreter Gegebenheiten möglich war.

Zwei freundliche Schüler holten mich ab, Dan und Lukas. „Schön, dass Sie sich die Zeit für uns nehmen.“ Wann war ich das letzte Mal in einer Schule? Es ist lange her. Kein bekanntes Gesicht, die Schülerinnen aus der S-Bahn waren krank beziehungsweise in einer anderen Klassenstufe. Aber das machte alles nichts. Als ich vor den im Halbkreis aufgestellten Schulbänken stand und die Gesichter vor mir sah, ließ die Anspannung – die einzugestehen mir leicht fällt – rasch nach. „Mal sehen, was das jetzt wird und ob es gelingt“. Da die Lehrerin noch einen Augenblick verhindert war, die Schulglocke aber bereits den Stundenbeginn verkündete, entschloss ich mich, ganz einfach anzufangen. Neunzig Minuten hatten wir Zeit miteinander. Neunzig Minuten, in denen ich von meinen Erfahrungen mit dem „Fontane-Jahr“ erzählen konnte, Gründe wägen durfte, „warum gerade und überhaupt Fontane?“, und neunzig Minuten, um mit den 17-, 18-Jährigen über jene Effi nachzudenken, die, als sie an Baron von Innstetten gebunden wird, so alt war wie sie.

Das erste Romankapitel sollte bei dieser Gelegenheit genauer unter die Lupe genommen werden. Das war viel zu viel – vor allem zu viel für jemanden, der Lehrerfahrungen mit Studierenden, nicht mit Schülerinnen/Schülern hat. Aber wir fanden ins Gespräch – und im Gespräch auch das, was die Heranwachsenden beschäftigt. Darius etwa, die Beine weit in den Raum gestreckt, sprach aus, was viele im Kreis teilen mochten: Er sei für naturwissenschaftliche Genauigkeit, für Exaktes, solches Erzählen sei nett, stehe ihm aber eher fern. Und ein nicht minder sympathischer Schüler, Janik, meinte, wie soll ein so dickes Buch sinnvoll in ein paar Stunden behandelt werden. Das waren Fragen, ernsthafte, gestellt ohne Provokation. Von ihnen aus konnte es weitergehen und ging weiter: Effi und ihre Mutter, die Mutter und Innstetten, noch Kind- und schon Frausein … Die Genauigkeit des Erzählens, auf die Fontane so viel Wert gelegt hatte, bekam eine Chance. Vielleicht erstaunte sie sogar.

Aber darüber darf ich nicht befinden. Für mich vergingen die beiden Unterrichtsstunden rasch. Das Angerissene: gerne hätte ich es mit diesen jungen Leuten in nächsten Schritten diskutiert. Ich war einem guten Ort, das spürte ich. Und froh darüber. Dass die Lehrerin, die sich auf ebenso angenehme wie genaue Weise am Unterrichtsgespräch beteiligte, danach Interesse an Weiterem signalisierte, freute mich. Auch die kleine Rückmeldung der erkrankten Schülerin, der die Klasse berichtete, ging in ähnliche Richtung. Und sie erwähnte, was sie mir verschwiegen hatte: einige Mitschüler wären durchaus skeptisch gewesen. Etwa in dem Sinn einer von Fontane bevorzugten Floskel, alles gut und schön – „aber was soll der Unsinn.“

Wird es eine Fortsetzung geben? Von mir aus – mit Vergnügen!

 

Fotos vom Verfasser.

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