Mit Fontane den Sprung ins Wasser wagen – und sich selbst auf den Grund gehen

Links und rechts in gleicher Höhe mit uns die Raps- und Saatfelder des Plateaus, unmittelbar unter uns der blaue, leicht gekräuselte Schermützelsee, drüben am anderen Ufer, in den Schluchten verschwindend und wieder zum Vorschein kommend, die Stadt und endlich hinter derselben eine bis hoch hinauf mit jungen frischgrünen Kiefern und dunklen Schwarztannen besetzte Berglehne. Die Nachmittagssonne fällt auf die Stadt, die mit ihren roten Dächern und weißen Giebeln wie ein Bild auf dem dunklen Hintergrunde der Tannen steht, das Auge aber, wohin es auch durch die Mannigfaltigkeit des Bildes gelockt werden möge, kehrt immer wieder auf den rätselvollen See zurück, der in genau zu verfolgenden Linien unter uns liegt. (Fontane: Wanderungen, Bd. 2, S. 96).

Brandenburg, Buckow. Eine Landschaft, wie Theodor Fontane sie 1863 durchwandert und beschrieben hat. Seitdem hat sich das Brandenburger Umland stetig verändert, was nicht zuletzt Anreiz ist, mit Fontanes Beschreibungen in der Tasche die Vielfalt der brandenburgischen Natur zu erkunden. Das geschieht nicht nur über Fotografien wie in der Ausstellung „Konstruierte Wirklichkeit. Die Mark ist heute Bundesland“ (16. August bis 30. September 2019) von Götz Lemberg, Roland Berbig berichtete hier, sondern auch überwiegend in Form von Reiseberichten.

Ein Meer an Seen

Gerade in den letzten Jahren erschienen einige neue Werke, die sich an Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg anlehnen. Auch Mein Jahr im Wasser. Tagebuch einer Schwimmerin (2017) ist gewissermaßen ein Reisebericht. Und doch ist es viel mehr als das: Eine Reise auf der Suche nach innerer Ruhe. Die Kanadierin Jessica J. Lee wird im Alter von achtundzwanzig Jahren nach Berlin geschickt, für einen fünfmonatigen Forschungsaufenthalt. Sie bleibt aber viel länger.

Nach einer langen Phase der Depression sucht die Autorin nach einem Weg heraus und findet – nein, nicht Fontane – sondern das Schwimmen. In einem Jahr möchte sie 52 Seen in Berlin und Brandenburg durchschwommen haben. Jede Woche einen, zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter. Es mag ihrem großen Interesse an Landschaften geschuldet sein, sie studierte Umweltgeschichte, doch es reicht ihr nicht, den See mit ihren Sinnen wahrzunehmen, sie möchte ihn auf allen Ebenen verstehen. Bücher sind hier ihre Anlaufstelle. Neben wissenschaftlichen Werken wie G. E Hutchinsons A Treatise of Limnology greift sie auch zu Theodor Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg.

Das Brandenburg des Wanderers – Das Brandenburg der Schwimmerin

Es ist nicht das erste Mal, dass sie zu seinen Büchern greift. Die Wanderungen Fontanes waren mit das erste, das sie auf Deutsch gelesen hat. Als sie nach Berlin gezogen war, waren sie Anhaltspunkt für ihre Suche nach Seen und Städten, die sie kannte. Es liegt also nahe, dass sie bei ihrem neuen Vorhaben wieder an Fontanes Beschreibungen Brandenburgs denkt und sich erinnert: „Fontanes Landschaft war geformt von Geschichten und Erinnerungen; sein Brandenburg, noch unberührt vom zwanzigsten Jahrhundert, lag Schichten unter dem Ort, den ich kennengelernt hatte.“ (Lee: Mein Jahr im Wasser, S. 17). Es wirkt, als würde Lee schmunzeln, wenn sie bemerkt: Fontane empfand so viel Liebe für seine Heimat, dass er die Landschaft erkunden wollte, bevor ihm ein Ausländer zuvorkam (S. 34).

Hundertfünfzig Jahre später macht sie sich auf, ihr eigenes Brandenburg zu finden. Das, was nun ihre Heimat ist, will sie mit eigenen Geschichten durchziehen. Es sind gerade die Wälder und Seen, die sie an ihre vergangenen Wohnorte in England und Kanada erinnern. Es scheint, als hätte die Challenge, die sie sich selbst auferlegt hat, nicht nur zum Ziel einen Umgang mit Schmerz und Depression zu finden, sondern ein Zuhause für ihre Seele.

Wenn die Autorin sich in der Landschaft bewegt, sieht sie diese aus der Perspektive der Bücher, die sie gelesen hat. Sie fühlt sich wie Effi Briest, wenn sie den Buchenwald am Herthasee durchwandert. Sie empfindet wie Fontane, wenn sie umgeben von Staub und Trockenheit vor dem Nymphensee steht. Die Wertschätzung vielseitiger Landschaften ist immer wieder durchzogen vom faden Beigeschmack des Eingriffs von Menschen in die Natur. Doch sobald sie das Wasser betritt, lässt Lee die Eindrücke, die sie sich angelesen hat, liegen. Taucht sie in den See ein, spielt es keine Rolle mehr, was hier mal war oder was jemand – ob fiktiv oder real – von diesem Ort hielt. Sie gibt sich ihren eigenen Gefühlen hin. Und wenn sie das Ufer wieder betritt, tropft ein Stück von ihr auf den Boden und macht die Seenlandschaft zu ihrer eigenen.

Zwischen roten Dächern, smaragdfarbenen Seen und Hallorenkugeln

Der Schermützelsee ist die Nummer 48 in Jessica Lees Liste „ihrer“ Seen. Wieder begibt sie sich in die Position Fontanes. „Die roten Dächer des Dorfes schmiegen sich in die Hügel, daneben der stille, leis gekräuselte Schermützelsee. Es ist eine Landschaft undurchdringlicher Ruhe, eine der Schönheit und Erinnerung. Für Fontane entfalten sich Geschichten in der Landschaft, die Zeit verdichtet sich. Erinnerung liegt dort geschichtet wie Blätter, wie Buchseiten.“ (S. 482).

Eben noch mit Fontane an der Seite, formt Lee – mit Begleitung ihrer Freundin Anne – die Umgebung mit ihrer eigenen Erfahrung. Mit dem Fahrrad geht es von Münchberg nach Buckow. Erst, als ihnen ein Mann aus seinem Garten „Guten Morgen“ zuruft, ist sie sich sicher: das hier ist nicht England, sondern Brandenburg. Ihre Wahrnehmung ist ein stetes Hin und Her zwischen Bewunderung der unberührten Natur und Spuren, die Menschen darin hinterlassen haben. Häuser, deren gepflegte Gärten bis zum Ufer reichen. Abfall, der sich unter Sträucher mischt. Es wirkt wie eine Metapher, wenn Lee in den See eintaucht und beschreibt, das Blau des Sees werde immer satter, je weiter sie schwimme (S. 487). Eine Metapher für Brandenburg, für Lee oder für ihr Vorhaben. Vielleicht all das.

Später, als sie mit Anne am Ufer eine Schachtel Halloren-Kugeln teilt, schweifen ihre Gedanken in die Vergangenheit ab. Erinnerungen und die damit verbundenen Geschichten sind die Linse, durch die Lee ihre Umgebung immer wieder betrachtet. Das mag auch der Grund sein, weshalb sie bei ihren Beschreibungen immer wieder zu Fontane zurückkehrt.

Vom See in den Wald

Mit dem Durchschwimmen von 52 Seen schreibt Jessica J. Lee eine neue Geschichte – im mehrfachen Sinne. Die Suche und die Bildung von Erinnerungen lassen sie mit Abschluss des Projekts aber nicht los. Auch wenn ihre Reise hier beendet scheint, nicht nur weil sie mittlerweile in London lebt, nimmt sie in den kommenden Jahren eine neue auf. 2020 erschien in Deutschland ihr zweites Buch Zwei Bäume machen einen Wald, in dem sie ihrer Familiengeschichte nachgeht. Anlass dafür war der Fund des Tagebuches ihres verstorbenen Großvaters. Er führt sie an den Ort, der die längste Zeit seine Heimat war: Taiwan. Auch hier entschlüsselt und verwebt sie Erinnerungen mit Landschaften.

Literatur
Jessica J. Lee: Mein Jahr im Wasser. Tagebuch einer Schwimmerin. München: Piper 2017. Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 2 Das Oderland. München: Nymphenburger Verlagshandlung 1971.

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