Götz Lemberg: Brandenburg-Bilder – Katalog-Premiere im KunstHaus Potsdam

(c) http://www.goetzlemberg.de/

Der Kunstverein KunstHaus Potsdam lud am 3. Dezember 2019 zu einer Buchpremiere ein. Götz Lemberg, der im Sommer eine große Fotografieausstellung „Konstruierte Wirklichkeit. Die Mark ist heute Bundesland“ (16. August bis 30. September 2019) in der Marienkirche in Frankfurt/Oder hatte, ließ diesem Ereignis nun den dazugehörenden Katalog folgen. Wie schon der Bildband über das Havelland „H_V_L-CUTS. Porträt einer Flusslandschaft“ (2016) fand er in Edition Braus Berlin einen guten Verlag, der sich auf Katalogdrucke dieser Art versteht.

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Die Ausstellung hatte in der Stiftung Zukunft Berlin, der Stadt und dem Eigenbetrieb Kulturbetriebe der Stadt Frankfurt (Oder), dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, der Sparkasse Oder-Spree und nicht zuletzt der „Theodor Fontane Gesellschaft“ Förderer und Unterstützer.

Birgit Möckel ist die Vorsitzende des Kunsthaus-Vereins.
Birgit Möckel, Vorsitzende des Kunsthaus-Vereins. Foto: Ottmar Winter

Birgit Möckel, Kunsthistorikerin und Vorsitzende des KunstHauses, stiftete durch eine gänzlich unangestrengte Freundlichkeit, die ansteckte, eine entspannte  Stimmung. Ein kleiner Tisch, vier Stühle, umgeben von Kunstobjekten einer anderen Ausstellung im Haus und einigen Stuhlreihen, auf denen das nicht zahlreiche, aber angenehm aufgeschlossene Auditorium Platz genommen hatte, genügten, um der Buchpremiere den rechten Ort zu schaffen. Dank eines hilfsbereiten Mitarbeiter des Kunstvereins, der offenbar nicht grundlos den Namen Sorgenfrei trug, wurde die Diskussion von den Fotografien begleitet, über die man sprach. Man: Das war vor allem der Künstler Götz Lemberg selbst, Jahrgang 1963, mehrfach ausgezeichnet für seine Klang- und Bild-Installationen, professionell und aufgeräumt, Dr. Kurt Winkler, Jahrgang 1956, Direktor des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte und Vorsitzender der Geschäftsführung der Brandenburgischen Gesellschaft für Kultur und Geschichte gGmbH (so viel Zeit muss sein!) und der Verfasser dieses Blogbeitrag. Der war nicht allein deshalb zugeladen worden, weil er zur Zeit Vorsitzender der „Theodor Fontane Gesellschaft“ ist, sondern auch mit Prof. Dr. Hubertus Fischer und Lemberg ein kleines Begleitbändchen mit Fontane-Texten zusammengestellt hatte („Fontanes Brandenburg. Konstruierte Wirklichkeit. Das Lesebuch zum Bildband Brandenburg-Bilder„). Die Gestaltung des Katalogs wie dieses Büchlein lag in den kompetenten Händen von Birgit Tümmers, die im Publikum saß.

Götz Lemberg, in konzentriertem Plauderton, skizzierte noch einmal, was er mit diesem Großprojekt – den beiden vorliegenden sollen noch zwei weitere folgen – anstrebt: eine visuelle Bestandsaufnahme der Mark, die Fontane literarisch so folgenreich beschworen hat. Mit diesem „Geniestreich“ (Peter Wruck) gelang es dem Dichter, bis auf den Tag alle späteren Konkurrenten auf die Plätze zu verweisen. Ein liebenswürdiger älterer Herr unter den Zuhörenden, zugereist vor einigen Jahren, erzählte, was so viele seit Jahr und Tag bestätigen: Das erste, was er sich im Buchladen gekauft habe, sei die Aufbau-Ausgabe von Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg gewesen. Lemberg erklärte, es sei ihm auf den Kontrast angekommen – hier Fontanes poetisch erzeugte märkische Welt, dort die Realität brandenburgischer Dörfer und Landschaften. Wo Fontane Historie und Poesie verwob, um etwas Harmonisches zu stiften, das zur Identifikation verführte, da entdeckte Lemberg vor allem an Gebäuden, an Häusern und Anlagen Spuren tiefer Disharmonie. Im Katalog ist ein Gespräch zwischen ihm und Kurt Winkler abgedruckt, das unter anderem auch um den so heiklen Begriff der „Identität“ kreist. Ein Wort, das, wie sich zeigen sollte, die Zuhörerschaft umgehend in Mitdiskutanten verwandelte. Er habe, so Lemberg, also gegensteuern wollen und müssen, sein Befund war Abweichung. Was er auf seinen weiten Touren, die er zum Teil zu Fuß, zum Teil per Rad absolvierte, entdeckte, deckte sich nicht mit der nach wie vor wirkenden märkischen Suggestionskraft. Von ihr lebe werbender Konsum, nicht wirkungsstarke Kunst. Fontanes Landschaften seien schriftstellerisch in Szene gesetzt.

Sehr richtig. Indes regten sich genau an dieser Stelle Fragen – Fragen, die das Podium stellte. Wenn der Fotograf sich bei seinen Ausflügen als eine „Art Schwamm“ empfunden hatte, der alles erst einmal aufsaugte, wie verhielt es sich dann im Fortgang seiner Arbeit. Suchte er tatsächlich nach der „Identität“ einer Region (eines Bundeslandes, einzelner Ortschaften etc.) oder überlagerte diese Absicht nicht die Auseinandersetzung mit der eigenen künstlerischen Identität? War, was er wahrnahm, ihm Objekt oder wandelte es sich – vielleicht sogar gegen seinen Willen – zum Subjekt. Nein, er habe keine Wohlfühlstellen gesucht, nach denen eine Fontane-Leserschaft möglicherweise Ausschau halte. Verklären, nein, das sei seine Intention nicht gewesen. Es fiel leicht, einige völlig zeitlos berückende Fotografien aus dem Band aufzuschlagen, dass der verständige Wille des theoretischen Kopfes das eine, der elementar bildsuchende und -versinkende Fotokünstler das andere sei. Das Gesehene formte den, der es sah. Die Absicht unterlag der Sicht und der Weise, wie die Sicht ihr Kunstrecht behauptete.

Fröhlich war der argumentative Schlagabtausch, Kurt Winkler gab den umsichtigen Vermittler, der sich weder auf die eine noch auf die andere Seite ziehen lassen wollte. Als allerdings die Begriffe „Konstruktion“ oder „konstruierte Wirklichkeit“ ins Feuer des Debattierens geworfen wurden, hakte er auch ein und nach. Wer konstruiert und was? Eine Fotografie die eine Hausecke zeigten mit gepflanzten Blumen, einer Statue und einem nagelneuen Goldzaun, bunt gemischt, provozierte. Überall dort, wo die Bilder an der Wand zu sehen oder von einem der Diskutanten hochgehalten wurden, vertiefte sich der Gedankenaustausch. Und wenn dann noch mit Provokativem „arbeiten nicht einige Landschaftsfotografien erneuter Idyllisierung zu, wird da nicht gar eine Re-Sakralisierung der Natur betrieben?“ gezündelt, kam ‚Leben in die Bude‘.

Weit entfernt von Missstimmung, spiegelte sich in diesem Gespräch, was Lembergs Fotokunst leistet. Sie will in den Spannungsraum, sie ist Teilnehmerin an den Themen, die von gesellschaftlicher Brisanz sind. Warum eigentlich keine Menschen auf den Ablichtungen zu sehen seien? Die sind, rief Frau Möckel heiter, doch überall anwesend: durch die gestalteten Räume, die gezeigt werden, durch die Häuser, die sich gleichen und doch absolut ungleich sind. Menschen, erklärte Lemberg seine Grundsatzentscheidung, absorbierten alles. Wo ihr Gesicht auf dem Bild erscheint, scheint alles andere in den Hintergrund zu geraten. Der mit Vorliebe und Können Architektur zu fotografieren vermag, weiß, was ihn gerade an dieser Kunstrichtung fesselt.

Mittlerweile war der Premierenabend vorgeschritten. Aus der Viererrunde war längst ein Saalgespräch geworden. Gläser, Wasser und Wein im Nebenraum signalisierten: Bleiben Sie noch ein bisschen beisammen, reden Sie miteinander und lassen Sie uns dann wohl- und kunstgestimmt heimgehen! Das genau geschah – dankbar dem Künstler, dankbar den Veranstaltern, den Beteiligten und dankbar einem Autor, dessen Wanderungen gewiss auch noch nach seinem „Geburtstag“ Lesekost aller Reisenden in die Mark sein wird.

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