Jürgen Quasners Briefe an Theodor Fontane I.

Datum: 14. September 2021 um 09:35
Betreff: Jenny Treibel und die Deutschkurse

Lieber Herr Fontane,
ein einziges Mal hat mich die Textauswahl für das Abitur in Deutsch beglückt, und zwar mit dem Pflichtthema Frau Jenny Treibel für die Grundkurse, von Kollegen auch Grunzkurse genannt. Diesen aparten Text mit mehreren Highlights – in Spanien jetzt wohl als hilites geschrieben – kannte ich bis dahin noch nicht; er brachte Lesevergnügen und gute Punktzahlen fast en passant, ein Wurf in jeder Hinsicht. Daß solcher Genuß mit Effi Briest nicht zu erreichen war, hat ja Kerstin inzwischen vorgetragen. Ich denke immer noch, daß sie mit der Lektüre der Jenny zu Ihnen bekehrt werden könnte. Die Abiturienten fragten mich einmal, nach welchen Grundsätzen die Lektüren denn ausgewählt würden. „Nach dem Alphabet“, sagte ich. Das könne nicht sein! „Doch, zur Zeit sind E und F an der Reihe, Eich, Eichendorff und Fontane. Ich sehe da keine andere Verbindung als die alphabetische.“Gibt es da drüben oben bei Ihnen Fernsehen, Internet und DVD? Wenn nicht, sollten Sie es bei der Leitung beantragen, damit Sie in den Genuß von Walter Jens‘ Fernsehspiel „Frau Jenny Treibel“ kommen. Welche Amüsements stehen Ihnen sonst da oben Verfügung? Als Speise gibt es hoffentlich nicht nur Manna wie zur Zeit von Ludwig Thomas Münchner im Himmel.
Herzliche Grüße
JQ

Datum: 15. September 2021 um 07:36
Betreff: blog

Lieber Herr Fontane,
was haben Sie heute so vor? Spielen Sie Skat oder Schach? Ihr Landsmann Schadow hat ja den ersten deutschen Schachclub gegründet und ein Museum in Neu-Ruppin bekommen, aber wohl eher wegen seiner Bauten. Mit den nächsten Mailbriefen warte ich ab, bis Prof. Berbig sich meldet. Sensationell wäre es für ihn, für Ihre und seine, unsere Gesellschaft, wenn eine Antwort von Ihnen käme. Ob Sie – ähnlich wie L. Thomas Dienstmann in München – leibhaftig in Potsdam oder Berlin erscheinen könnten, weiß ich natürlich nicht. Die Wiederkunft Ihrer Person würde bestimmt auch die ev. Kirche aufregen wie alle Medien auch. Aber warten Sie damit bitte die Bundestagswahl ab; es würde sonst allen alles zu viel. Ob Weihnachten besonders geeignet wäre, kann man noch in Ruhe bei einem Glas Punsch besprechen. Unserem Freund, dem Pfarrer W. S., Dr. S., habe ich vorgeschlagen, über die Pfarrherren in Ihren Romanen zu schreiben. Er fand es eine gute Idee, aber ich sollte der Sache nachgehen. Wenn Sie sich dazu äußern, hätte ich noch andere Fragen zu Ihren Romanen.
Mit herzlichen Grüßen von hier unten
JQ

Datum: 15. September 2021 um 20:32
Betreff: Soziale Frage

Lieber Herr Fontane,
daß die soziale Frage nicht gelöst ist, wissen wir ja. Würden Sie sagen, daß Sie mit Ihren „Tendenzen“ einer Lösung nähergerückt sind? Der Klassengegensatz wird doch auch bei Ihnen nicht gelöst; die konkrete Lage der Arbeiterfamilien kommt höchstens am Rand vor…, typisch dafür ist, daß Sie eine Fabrik nur aus der Ferne darstellen.Diese Ausklammerung läßt sich auch am Werk Th. Manns feststellen, der diese Problematik anderen Kollegen überläßt. Das sei ganz schlicht nicht seine Sache…
Herzliche Grüße
JQ

Datum: 16. September 2021 um 07:43
Betreff: Fontane und Sachsen

Lieber Herr Fontane,
guten Morgen. Welche Aussicht haben Sie heute von da oben Sehen Sie Ihr Berlin, sehen Sie Leipzig, Dresden, München? Auch wenn Sie Berlin oft verlassen haben, ist es doch immer Ihr Lebensmittelpunkt geblieben, ganz anders als bei Bismarck, der Berlin nicht mochte und es nach seinen Geschäften und Reden gern wieder verließ, retour à la nature. Sie wiederum mochten den Reichskanzler nicht besonders bzw. auch gar nicht, wenn Sie ihn als Pferdestallsteuerverweigerer bezeichneten. Sachsen, Dresden, Leipzig lernten Sie als Apotheker kennen, in Ihrer Zeit als Fritze Kratzfuß, als Pillendreher, der noch hoffte, sein Vater, Ihr Papa, werde ihm später eine Apotheke kaufen. Zum Glück von uns Lesern ist daraus nichts geworden. Sonst hätten Sie womöglich nur ein paar Beiträge für die Apothekerzeitschrift geschrieben.
Ihre Gesellschaft – damals noch mit Prof. Hubertus Fischer als Häuptling – führte uns nach Leipzig und so auch zum alten Bach, zum Bachfest und zum Bach-Stüb’l, wo die Kellner sehr alt werden, denn sie tragen immer noch ihre barocke Kleidung. Anders als Sie zog es Ihren Zeitgenossen Wilhelm Busch mehr nach Frankfurt/M. und nach München und dort zur Gastronomie. Haben Sie W. Busch je zur Kenntnis genommen, den Zeichner, mit dem zusammen aus Ihrer Jenny Treibel schon eine Graphic Novel hätte werden können? Noch mehr Innovation als Ihr epischer Zoom bei Jennys Gang zu Prof. Schmidt, der, wenn nicht Professor, dann Sozialdemokrat geworden wäre!
Sehen Sie von da drüben auch Dresden, wo die Könige Ihre Romane eher nicht gelesen haben? Der letzte August hat mehr sinniert, welche Anekdoten er noch produzieren könnte , indem er etwa eine Sektkellerei mit der Pickelhaube besucht hat. Aber daß wir, die Mitglieder Ihrer Gesellschaft, Sie weiterhin mit Vergnügen lesen, darauf dürfen Sie sich verlassen!
Mit dankbaren Grüßen nach dort drüben
JQ

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