Ein Fontane-Wegweiser an der Amerika-Gedenkbibliothek, Berlin

Fontane-Schilder und -Gedenkplatten gibt es reichlich in Berlin. Manche meinen, überreichlich. Da steht die Frage nach weiteren Wahrzeichen für diesen Schriftsteller rasch im Raum, und natürlich nicht zu Unrecht. Wir haben an dieser Stelle schon einmal beiläufig davon berichtet, wie sich Abgeordnete des Berliner Stadtbezirks Friedrichshain-Kreuzberg davon nicht abschrecken ließen, bald allen voran Timur Husein. Ein erster Anlauf geht zurück in das Jahr 2017, in der Märzsitzung, wohl um dem Jubiläumsjahr 2019 einen kleinen, aber feinen Akzent im eigenen Stadtbezirk zu setzen. Um weiter Fahrt aufzunehmen, fragte man bei der Theodor Fontane Gesellschaft an und lud sie ein. Vielleicht, so hoffte man, konnte sie ihnen bei diesem Unternehmen behilflich sein.

Entwurf 1 Bartsch/Berbig (Skizze: R. Berbig), Februar 2021

Dass die nicht gezögert hat, versteht sich von selbst – ganz im Sinne ihrer Satzungen. Georg Bartsch und der Vorsitzende dieser literarischen Gesellschaft haben sich nicht nur gerne (und ein wenig neugierig) auf einen solchen kulturellen Vorstoß im politisch-parlamentarischen Raum eingelassen. Nein, nachdem das politische Licht zumindest auf gelb stand, sind sie vor Ort gezogen. Sie haben sich im Umkreis der Amerika-Gedenkbibliothek umgesehen und nach einem geeigneten Platz Ausschau gehalten. Kein so leichtes Unterfangen. Zur Belohnung erlaubten sie sich einen Abstecher auf die nahegelegenen Friedhöfe. Nach der Ortsbesichtigung waren sie so hochgestimmt, dass sie sich – nicht ohne Übermut – auf eigene Gestaltungs- und Textvorschläge kaprizierten. Die legte man der Abgeordentenrunde tollkühn wie vergnügt vor. Natürlich dominierte Verunsicherung, die beiden Dilettanten kannten ihre Grenzen nur zu gut.

Entwurf 2 Bartsch/Berbig (Skizze: R. Berbig), Februar 2021

Über die Gestaltungsideen lächelte die Abgeordnetenseite facherfahren wie freundlich, aber verständlicherweise ablehnend. Die Textvorschläge (eine tüfftlige Angelegenheit, wie sich denken lässt), wog man wohlwollend, um sie dann tüchtig runterzustreichen. Alles in schönstem kritischen Einvernehmen mit den beiden Herren, die ihr unbedingtes, wenn auch nicht immer gleich lockeres Vergnügen dabei hatten. Am Ende stimmte ‚die Politik‘ ab, die Stimmung blieb ungetrübt. Das erhoffte Ausmaß des Fontane-Gedenkens wurde auf ein realisierbares zurechtgeschnitten. Die vorgelegten Texte überlebten als Textlein, aber durchaus der Sache und dem Zweck entsprechend. Und die künstlerische Gestaltung verwandelte die angedachte Gedenkplatte in einen Wegweiser, der zu märkischen Wanderungen anregen will. Sie lag in professioneller Hand von Fabian Hickethier.

Auf dieses Fontane-Wegzeichen schaut man, so dachten alle am 12. Mai 2022, dem Tag seiner Einweihung, gerne – heute und gewiss auch fortan. Die Sonne lächelte freundlich auf die Versammelten herab. Und vielleicht lächelte sie noch ein wenig mehr über die erfolglosen Bemühungen, mit denen versucht wurde, das hübsche Wegschild noch einmal für den Festakt zuzuhängen (siehe Foto rechts).

Georg Bartsch (TFG, Leiter der Sektion Berlin), Timur Husein (Kreisvorsitzender der CDU Friedrichshain-Kreuzberg) / Foto: R. Berbig

Die Bezirksbürgermeisterin und Bezirksstadträtin für Finanzen, Personal, Wirtschaft, Kultur und Diversity, Clara Herrmann, ahnte diese Mühen. Sie zögerte ihr Erscheinen maßvoll heraus, um dann eine kleine patente Ansprache zu halten. Auf Festkleidung verzichtete sie ebenso wie auf Spickzettel. Im Anschluss dankte der Vorsitzende der Theodor Fontane Gesellschaft dem Stadtbezirk für diese feine Fontane-Tat und strich noch einmal heraus, wie passgerecht dieser Ort für die Lebens- und Schreibgeschichte des Dichters ist. Man schied gutgestimmt voneinander, blickte ein letztes Mal auf das neue Fontane-Wahrzeichen, und es kam am Rande auch noch zu einer freundlichen Begegnung zwischen „Kultur“ und „Politik“ (siehe Foto links). So soll es sein, und so soll es bleiben: gerade in Zeiten, wo die Unkultur zurück in unseren Alltag kehrt.

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