Fontane als unpolitischer Scherzbold? – Die Bienenschlacht oder Bienen-Winkelried

Ein Gedicht – mehrere Perspektiven

Die Bienenschlacht oder Bienen-Winkelried – schon länger liegt dieses Fontane-Gedicht auf meinem Schreibtisch und wartet darauf, dass ich mich mal näher mit ihm befasse. Meine Recherchen dazu verliefen schleppend. Es gibt außer den Kommentaren in den Fontane-Gedicht-Ausgaben kaum, eigentlich keine Literatur dazu. Als ich den Text vor zwei Jahren das erste Mal zu Gesicht bekam, las ich ihn mit den Augen einer Imkerin. Bei der zweiten Lektüre kam die Historikerin dazu – das Entstehungsdatum 1849 und der Name Winkelried fielen mir auf. Vor einigen Wochen lag das Gedicht nun wieder auf meinem Schreibtisch, weil endlich ein Blogbeitrag dazu entstehen sollte.

Durch die Augen der Imkerin

Unter „Bienenschlacht“ kann ich mir als Imkerin etwas vorstellen: Wer im Spätsommer das Flugloch eines Bienenvolkes beobachtet, erlebt zuweilen brutale Szenen. Die Arbeiterinnen müssen sich der Angriffe von Räuberbienen anderer Völker, Wespen und Hornissen erwehren, die es auf den Futtervorrat, aber auch auf die Bienen selbst abgesehen haben. Da hilft nur, aufmerksame Wachen am Eingang zu postieren und notfalls mit vollem Körpereinsatz dem Feind den Stachel in den Leib zu rammen, um ihn mit einer Dosis Gift von weiteren Attacken abzuhalten.

Nun schmückt Fontane alles noch etwas aus, bringt die Hummeln und Käfer mit ins Spiel, die sich auf die Seite der Bienen schlagen. Von solchen Kollaborationen weiß ich aus der Realität nichts. Die Hummeln werden aber zu den Wildbienen gezählt, auch sie sind staatenbildende Insekten, wie die Honigbienen. Man könnte also meinen, hier kommen den Honigbienen ihre ‚wilden Schwestern’ zu Hilfe. (Wobei hier gar nicht gesagt wird, ob es sich bei den Bienen um Honigbienen eines Imkers oder um wildlebende Honigbienen handelt.) Interessanterweise haben die Wespen offenbar keine Verbündeten – hier hätten sich auf jeden Fall die Hornissen noch angeboten. Denn genauso wie die Wespe und anders als Bienen ernähren sie sich auch von Tierischem wie zum Beispiel Honigbienen. Aber Fontane hat anders entschieden.

Die Wespen sind also im Anflug, die Bienen werden über den „Schoten- und Bohnen-Acker zurückgedrängt“, der patriotische Eifer, für die Heimat zu sterben („dies mori pro patria“), ist zwar da, aber der Optimismus, das Schlachtfeld als Sieger zu verlassen, nimmt ab, je weiter die Wespen vordringen. Jetzt wird plötzlich der Ruf nach den Männern laut, also nach dem einen „brave[n] Mann“. Mal davon abgesehen, dass zu dem Zeitpunkt im Jahr, an dem sich die Szene wahrscheinlich abspielt, sich schon nicht mehr allzu viele Drohnen im Bienenvolk aufhalten dürften (etwa ab August findet die sogenannte Drohnenschlacht statt, in der die Männer von den Frauen vor die Tür gesetzt werden), haben die Drohnen auch keinen Stachel. Sie sind also fürs Militär völlig ungeeignet. Trotzdem tritt nun so ein Drohn vor und wirft sich den Wespen entgegen – heldenhaft wie ein Märtyrer, aber natürlich völlig chancenlos. Der Gute wird von dreizehn Stichen niedergestreckt. Wenigstens sind wegen seines Todes die Bienen – und damit müssen nun die mit einem Stachel bewehrten Arbeiterinnen gemeint sein – nun so „wüthend“, dass ihr Kampfgeist wieder geweckt ist und sie „den Feind“ mit Hilfe ihrer Verbündeten in die Flucht schlagen.

Die Schilderung der anschließenden Trauerfeier ist reine Schönfärberei. Stirbt eine Biene, Arbeiterin oder Drohne, wird sie von einer Putzbiene aus dem Stock getragen und einige Meter entfernt fallen gelassen. Ziemlich ernüchternd. Trotzdem: Durch die Augen der Imkerin gelesen, hat mich die Lektüre amüsiert. So gesehen, ist Fontane der „Scherz“ gelungen.

Die Historikerin und Literaturwissenschaftlerin…

…in mir wurde stutzig, als sie das Entstehungsdatum 1849 las. Im Jahr nach Beginn der bürgerlichen Revolution im Deutschen Bund geschrieben, kann ich gar nicht glauben, dass es, wie im Vorspruch suggeriert, ein „Scherz“ sein soll. Schaut man in den Kommentarteil zum Gedicht (sowohl in der Großen Brandenburger Ausgabe, als auch in der Gedichtausgabe vom Aufbau-Verlag), steht dort, dass dieses Motto erst im April 1850 hinzugefügt wurde. Weiterhin ist dort der Hinweis auf einen Brief von Fontane an seinen Freund Bernhard von Lepel vom 12. April 1850 zu lesen. Er schrieb ihm:

A propos, noch eins! Was meinst Du zu folgendem Motto für meine Bienenschlacht:

„Nur kein Gegrübel
Was es sei;
Ob wohl oder übel,
Der Scherz ist frei.“

Vielleicht vermeid ich dadurch doch das emsige Suchen und Forschen: was es mit dem Dinge eigentlich auf sich habe? eine Frage die der Tod dieses Gedichtes ist.

Offenbar waren auch die ersten Rezipient:innen der Meinung, dass hinter dem Gedicht mehr stecken könnte. Fontane hatte es, verrät der Kommentar, am 15. September 1849 einem Brief an von Lepel beigefügt. In der erhaltenen Handschrift fehlt das Motto noch. Aber Fontane bemerkt im Brief:

Beifolgend wieder mal ein Gedicht, worüber ich mir – aber bald – Dein Urtheil erbitte. Ich hab’ es mit großer Liebe gearbeitet, was Du mindestens am Formellen ersehen wirst. Es ist kein politisches Gedicht. Als solches gelesen verfehlt es all und jede Wirkung. Bloßer Spaß.

Das „kein“ ist nachdrücklich fett unterstrichen. Und trotzdem – auch von Lepel kann nicht glauben, dass das Gedicht in keiner Weise politisch sein soll. In seinem Antwortbrief elf Tage später am 26. September 1849 hadert er:

Mit der Bienenschlacht bin ich noch nicht im Reinen. Fast weiß ich nicht, würd’ ich es tadeln, wenn es ein politisches Gedicht wäre, oder soll ich es tadeln, daß es keins ist?! Verzweifelte Lage! Als bloßer Spaß gränzt es an die Harmlosigkeit eines Kindergeschichtchens, und doch ist Manches darin mehr für die Alten geschrieben. Die Alten aber, obwohl sie zur Laune des Dichters lächeln, ja, wenn sie selbst bei Laune sind, sogar lachen, ziehn doch, wenn Bienenwinkelried begraben ist die Stirnen in Falten um nachzudenken, ob der Dichter sie oder die Muse den Dichter zum Besten gehabt. Um jeden Alten aus dieser Lage zu helfen, glaub’ ich dürft’ ich ihm mit Deiner Erlaubnis zurufen: der Dichter hat am Ende doch nicht gespaßt und meint es ehrlich mit seiner Zeit, d. h. er geißelt sie, gedenkt der großen Anläufe, die ihre Kämpfe nehmen u. der doch kleinen Ausgänge, wobei so viel Wesens von den Winkelrieds gemacht wird; er gedenkt auch der Kampfesunlust, wenn ich nicht sagen darf Feigheit, die in den phrasenreichen Parteien, zumal seiner eigenen, zu finden ist, und wird uns nicht aufbinden wollen, daß er an gar nichts gedacht hat u wir an nichts denken sollen.

Fontane kam in den frühen 1840er Jahren mit den freiheitlichen, demokratischen Ideen in Berührung. Auch beschäftigte er sich mit der sozialen Frage, wie Charlotte Jolles in ihrer Dissertation Fontane und die Politik schreibt. Seine Beteiligung am Revolutionsgeschehen u. a. am 18. März 1848 in Berlin ist ambivalent. Im Kapitel Der achtzehnte März in Von Zwanzig bis Dreißig erzählt der inzwischen älter gewordene Fontane nicht ohne einen Schuss Selbstironie, wie er als junger Mann an diesem Tag mit einem Theatergewehr in der Hand hinter einer Barrikade stand, die er dann aber ohne zu schießen und eher fluchtartig wieder verließ. Daran darf gezweifelt werden. Die „allgemeine[…] politische[…] Leidenschaft“ (S. 48) hatte ihn jedoch erfasst, wie Charlotte Jolles es ausdrückt.

Zwar gehörte er nicht zu den Kämpfenden, wohl aber zu den vielen Helfenden und so schreibt sie weiter: „Es steht fest, daß Fontane auf seiten der Volksbewegung stand.“ (S. 50) Schon aber im September 1848 mit den ersten Maßnahmen gegen die Revolution machte sich bei ihm Enttäuschung breit (vgl. S. 52) und in der folgenden Zeit, vor allem 1849 kam auch er (so wie manch einer der Revolutionäre) nicht umhin, der Realität ins Auge zu blicken: Die Revolution war nicht geglückt, die Ideale dahin (vgl. S. 66) und im Rückblick bezeichnete Fontane seinen anfänglichen Enthusiasmus für die Revolution als „Winkelriedgefühle“ (ebenfalls im Kapitel Der achtzehnte März in Von Zwanzig bis Dreißig).

Dieser Winkelried hat es nun in einer späteren Ausgabe bis in den Titel des Gedichtes, das bis dahin Die Bienenschlacht hieß, geschafft – Bienen-Winkelried. Es ist der Name des Bienenhelden, der sich mutig opfert, sich den Wespenfeinden entgegenwirft und dafür 13 Stiche einsteckt bzw. sich 13 Speere tief in den Leib rammen lässt. Die Vorlage für diesen furchtlosen Bienenhelden ist sicher Arnold von Winkelried, ein Schweizer Freiheitsheld. Er soll 1386 in der Schlacht bei Sempach, in der die Eidgenossen gegen die Habsburger kämpften, die Kampfhandlungen zu Gunsten der Schweizer gewendet haben, indem er sich in die Speere der Habsburger stürzte und so seinen Kampfgenossen eine Bresche schlug.

Bienen-Winkelried stirbt wie sein Vorbild, auch mit seinem Auftritt wendet sich das Blatt für die Bienen und sie können mit Hilfe der Hummeln die Wespen in die Flucht schlagen. Aber übertragen auf die „bürgerliche Revolution“: Wer sind dann die Revolutionäre, wer das absolutistische, reaktionäre Preußen? Egal, wie mans dreht und wendet, es will nicht passen – die Revolution glückt auch hier nicht. Es bleibt beim Alten, nur ohne Winkelried – den Märtyrer und Idealisten.

Also doch alles nur „bloßer Spaß“? Vielleicht – aber so ganz will ich das dem guten Fontane nicht abnehmen. Zu viele Anspielungen und Verbindungen, die sich aufgetan haben und die sicher lohnen, sie weiter zu verfolgen.

 

Benutzte Literatur:
Theodor Fontane und Bernhard von Lepel: Der Briefwechsel. Kritische Ausgabe in zwei Bänden. Hrsg. v. Gabriele Radecke, de Gruyter, Berlin: 2006.
Charlotte Jolles: Fontane und die Politik. Ein Beitrag zur Wesensbestimmung Theodor Fontanes. Aufbau-Verlag, Berlin, Weimar: 1983.
Helmuth Nürnberger: Fontanes Welt. Eine Biographie des Schriftsstellers. Pantheon, München: 2007.

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