Wie schmeckte Fontanes SANITAS?

Im Stadtmuseum Fürstenwalde/Spree befindet sich neben vielen Zeitzeugnissen zum Arbeiten und Leben der Bürger in der Domstadt eine „Fontanestube“. Die darin überlieferte Hauptattraktion steht in einem kleinen, besonders gesicherten Glaskasten. Es handelt sich nach Auskunft des Museumsleiters, Guido Strohfeldt, um die weltweit einzige noch erhaltene Flasche des Lieblingslikörs SANITAS. Die braune Glasflasche trägt ein gleichfalls gläsernes  Markenzeichen mit dem Schriftzug SANITAS unterhalb des Flaschenhalses. Das Siegel besteht aus einem brandenburgischen Adler, der in der linken Kralle einen Äskulapstab trägt und in der rechten eine Flasche.   Allerdings ist die weltletzte Flasche leider ausgetrunken und nach Geruchsprobe mit dem Museumschef klinisch rein. Das macht die Wiedergeburt des Fontane- Likörs schon zu einer  Herausforderung.

Fontane trank den SANITAS nach Überlieferung gern bei dem Apotheker Gustav Roggatz in Fürstenwalde/Spree. Roggatz wurde am 4. Oktober 1875 Eigentümer der  schon 1740 gegründeten königlich privilegierten „Kronen Apotheke“.

Kronen Apotheke in Fürstenwalde/Spree (Besitz: Stadtmuseum Fürstenwalde)

Der Apotheker Roggatz war Ehemann von Agathe Sommerfeldt, Fontanes Nichte. Das Ehepaar Emilie und Theodor Fontane nahmen an Polterabend 11. Oktober 1875 und an der Hochzeit in Fürstenwalde am 13. Oktober 1875 teil. Mancher wird die zu diesem Anlass verfassten Gelegenheitsgedichte sicher kennen. Der Apotheker Roggatz soll den Magenlikör speziell für Theodor Fontane gebraut haben, der ihm wohl auch ganz gern zusprach. Aber wie schmeckte die Spezialität für eine Wiedergeburt tatsächlich?  In Fontanes Werken findet sich dazu nach meiner Kenntnis und auch Archivnachforschungen nichts.

Deshalb sind fachmännischer Rat und Phantasie zur Rekonstruktion gefragt. In der Nähe von Fürstenwalde liegt die Streitberger Kulturbrennerei. Im Prospekt der von Werner Menzel, einem Künstler und Multitalent, betriebenen Kreativbrennerei heißt es: Unweit von Fürstenwalde an einem idyllischen Seitenarm der kanalisierten Spree liegt Streitberg. (ein Ortsteil von Langewahl) und weiter ist im Internet unter www.kulturbrennerei.de nachzulesen, dass hier heimische Früchte in klare hochprozentige Genussmittel veredelt werden.

Aber es gibt viele Hürden auf dem Weg zur Re-Innovation eines verloren Geschmacks. Sie liegen, wie kann es anders sein, in heute gültigen zahllosen Gesetzen und Verordnungen. Dazu gehört,  dass zu Fontanes Zeiten offenbar das Etikettieren eines Magenschnapses als heilendes Mittel gar kein Problem war. Die Flasche im Museum beweist das. Alkohol und Gesundheit widersprechen sich heutzutage eben mehr als zu Zeiten unserer Altvorderen. Wie sonst konnte der Apotheker Roggatz, oder wer auch immer den SANITAS mischte, einen Schnaps oder Likör mit einem Äskulapstab versehen?

Der Kulturbrenner aus Streitberg lachte bei einem Besuch in seiner Brennerei nur: „Da bekommen wir  bei der Wiederbelebung nicht nur Streit, sondern gleich gar keine Lizenz. Ein Symbol des griechischen Gottes der Heilkunst kann heutzutage doch nicht mehr auf Schnapsflaschen! Vor rund zweihundert Jahren mag das gegangen sein, aber heute? Es ist völlig ausgeschlossen, auch nur im Entferntesten auf gesundheitlich positive Wirkungen von Alkohol hinzuweisen. Das wäre so, als würden Zigarettenhersteller dafür werben, dass Rauchen gesund sei.“

Die Diskussion um die Re-Innovation von SANITAS begann mit Verkosten anderer Produkte der Kulturbrennerei Freude  zu bereiten. Dann wurde über die möglichen Mengen des zu brennenden SANITAS diskutiert, noch ohne den Geschmack zu kennen. Es stand die Frage im Raum,  ob es zum 200. Geburtstag um ein Merchandising-Produkt für die Massen oder ein Edelprodukt der Region gehen solle. Der Kulturbrenner Menzel erwies sich als Philosoph:

„Willst was gelten, mach dich selten.“

Das spricht klar für regionale Berühmtheit statt für den Massenmarkt. Der Brennmeister warnte ohnehin: „Reich kann man vom Schnapsbrennen unter den drastischen Zollauflagen mit einem 100- Literfass nicht werden, aber blind schon.“ Wer reinen Alkohol trinkt, kann das schnell selbst erfahren. Die privaten, sogenannten Verschlussbrennereien, erlauben auch keinerlei Betrug. Es kann nichts abgezapft werden. Alles steht unter Zollkontrolle, um ja jeden Liter auch ordentlich zu versteuern.

Die Suche nach dem richtigen Geschmack des neuen SANITAS ist noch nicht abgeschlossen, soll aber noch rechtzeitig bis zum großen Geburtstagsjahr gelingen. Es könnte sein, dass die Wiederbelebung von Fontanes Fürstenwalder Lieblingslikör über das Literarische hinaus zusätzliche Freunde gewinnen wird.  Mancher Kenner der Likörkultur zu Fontanes Zeit wird sich zugleich daran erinnern, dass sein letzter Schnaps ein GILKA war, ein historisch bekannter und bis heute zu habender „Kaiser- Kümmel“. Nach Kümmel wird daher der Geburtstagsdrink sicher  nicht schmecken.

 

 

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