Großes Fontanikum im LCB – 11. April 2019

War es der Saal? War es das Publikum? War es die besondere Gestimmtheit des Ortes? An diesem Abend glänzte einfach alles. Ein Geplauder, das, versonnen und versponnen, kaum ernst zu nehmen war und doch vom ersten bis zum letzten Wort Nachhall fand in den Herzen der Zuhörer.  Das Literarische Colloqium Berlin und die Theodor Fontane Gesellschaft hatten gemeinsam zu diesem Podiums-Gespräch an den Wannsee eingeladen. Allseits Fontane. Zum 200. Geburtstag. Mein Fontane. Was soll der Unsinn. Ein Motto zum Auswählen.

Jan Böttcher

Jan Böttcher sang Texte Fontanes zur Gitarre. Spruchweisheiten, eine Kollektion von Gimmiks aus dem Stechlin, immer wieder auf den Refrain über die Unzureichendheit der Demut zurückkehrend: sie schafft nicht, sie fördert nicht, sie belebt kaum. Schon das war unendlich schön.

Annett Gröschner

Annett Gröschner las aus ihren eigenen Wande­rungen durch das Brandenburg der Gegenwart, ganz auf Linie 4, egal ob Bus, Tram oder RE. Stationen wie Ludwigsfelde, Großbeeren, Rathenow, schon die Ortsnamen reine Poesie. Man hätte ihr noch lange lauschen mögen. Danach erkletterte ein literarisches Kleeblatt das Podium, das schwerlich schöner und gewichtiger zusammengestellt werden konnte: Ernst Osterkamp und Norbert Miller, flankiert von Roland Berbig, dem Vorsitzenden Theodor Fontane Gesellschaft, und der Sekretärin der  Gesellschaft, Vanessa Brandes. Roland Berbig und Ernst Osterkamp waren in einem launigen Bericht zu Leitfossilien der Humboldt-Universität deklariert worden, Norbert Miller vertrat, das Mindeste gesagt, den Genius Loci. Aber keiner von den dreien hatte etwas Petrefaktes an sich, und schon gar nicht Vanessa Brandes, von Haus aus Literaturwissenschaftlerin, die den Mut hatte, in diesem turbulenten Jahr einzusteigen und in Nachfolge ihres langjährigen Vorgängers Bernd Thiemann das Ruder zu ergreifen.

Die Diskussionsrunde – v. l. Roland Berbig, Ernst Osterkamp, Norbert Miller und Vanessa Brandes

„Aber – was soll der Unsinn“, fragte Berbig lächelnd mit Hinblick auf die Inflation der Jubelfeiern, und er vergaß auch nicht die dazugehörige Fontane-Anekdote zu erzählen, in deren Mittelpunkt ja nicht einmal der Dichter selbst steht. Diesen Ball griff der Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung dankbar auf und perorierte über Dichter- und andere Jubiläen.

Norbert Miller

Erstaunlich, was ihm alles bei diesem Stichwort einfiel. Und dabei hat er die Mutter aller Säkularfeiern noch nicht mal erwähnt, das Schiller-Jubiläum von 1859 und das Goethe-Jahr von 1949, nicht vom 500. Geburtstag von Maximilian gesprochen, dem Patron aller Bibliophilen. Wenn ein Bundespräsident über das Reden redet und ein Minister­präsident über den Charme der Brandenburger und ein Bürgermeister über den Tourismus, dann hat das viel mit Politik, wenig aber mit Literatur zu tun. Dabei hat Fontane wie kaum ein anderer Autor dieses ganze Land entscheidend geprägt. Norbert Miller lauschte versonnen, pflichtete dem Freund bei und lenkte mit der gewagten These, Fontane habe überhaupt nur Romane geschrieben und die Modeform der Novelle verschmäht, über zu einem Gesprächsteil, in dem ganz im Gegenkurs zur Jubiläenschelte Fontane und sein literarisches Werk auf ganz persönliche Weise geehrt wurden: als Elemente der eigenen Biographien, als belebendes Elixier, als wirkmächtige, unverzichtbare Regalsedimentschicht lebendiger Lektüreerinnerungen.

Ernst Osterkamp

Am Ende hatte jeder noch eine Lieblingspassage zum Vortrag vorbereitet. Aber es kam nicht dazu. Osterkamp las den Bericht über die Wahlfeier aus dem Roman Der Stechlin auf eine Weise vor, dass alle die Unmöglichkeit einsahen, dies zu übertreffen und zu ergänzen, zumal die Schluss-Rufe aus der Roman-Passage, die der Figur Gundermann galten, schon durch den Text mitgeliefert wurden. Nur Berbig gab durch einen der herrlich komischen Briefe Fontanes an seine Frau noch eins oben drauf.

Auch in kleiner Runde setzte sich das Geplauder noch fort. Am Ende ging es um Fritz Reuter, Felix Dahns Prokopius von Cäsarea und um die Schneeglöckchen der kleinen Agnes: »Dat sinn de ihrsten, un wihren ook woll de besten sinn.«

[Das Copyright der Fotografien liegt beim Verfasser und den Abgelichteten.]

 

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